Mittwoch, 2. Dezember 2009

Wege und Nachtstücke


Wege

Viele Wege und Ruhe in Kafka – die Wege sind immer labyrinthisch, sogar die Fußstapfen sind Labyrinthe.  Und Du musst jede Fußbreite eines solchen Labyrinths ablaufen.  Kein Winkel des Ausruhens gibt es – nur das Allgemeine vor allem das Absolute sei ein einziges Ausruhen.  Durch das ganze Ruhen hindurch wächst Du.  So wie Du die Körperlichkeit der Menschheit nicht teilst, wohl aber deren Wachstum.

Der Fernsehapparat im Kellnerhaus läuft auch tagsüber.  Dieselbe Szene – leeres knapp möbliertes Zimmer, der Fernseher auf seinem Turm, mit oder ohne stierende Köpfe.  Im Tageslicht sieht das Zimmer so hinfällig aus, so beiläufig.  Nur nachts kennt das Zimmer seine eigene verwahrloste Pracht. 

Es ist eigentümlich. Bei uns um Mitternacht ist es stockfinster, stockdunkel in allen Fenstern, die nach hinten zu den Gärten hinausschauen.  Als sei die Welt der Geschäftigen in die tiefste Geschäftsstille eingetreten.  Der Schein täuscht.  Ein Paar Stunden später tauchen Lichter wieder auf, nicht überall, aber dort wo sie die Nacht durchbohren, hat man den Eindruck, fängt die Nacht erst wirklich an.  In einem Zimmer am Rand der Wiese, brennt ein helles weißes Licht hinter stets dicht verhängten Vorhängen, Tag und Nacht. 

Die Person, die meine Balkontür ‚morgens’ aufschließt, ist eine ganz andere Person, als diejenige, die sie ‚nachts’ wieder abschließt.  Die Morgenwächterin – die Nachtwächterin.  Wie soll ich je wissen ob „ich“ bei mir „zu Hause“ bin?


Nirgends

Es ist eine verschlagene christliche Behauptung, dass kein Mensch bei sich zu Hause sei.  Deshalb ist es nicht erstaunlich diese Bemerkung bei Kierkegaard zu finden, oder dass Cavell sich dafür begeistert.  Dieses ominöse nicht zu Hause sein – bedeutet lediglich nicht tief genug in der christlichen Selbstvernichtung fortgeschritten zu sein. Demnach ist das bei sich zu Hause sein, eigentlich bei Gott, in selbstauflösender inniger Verschmelzung zu Hause zu sein.  Die Ironie dieser Aufforderung Kierkegaards – sie führt zur absoluten Selbstverneinung hin.  Das nennt Cavell die menschliche Existenz ins Zentrum der Beschreibung rücken.  Er zitiert Kierkegaard:  „Die Mehrheit der Menschen lebt im Verhältnis zu ihrem eigenen Selbst, so als seien sie immer auswärts, nie zu Hause...Die bewundernswerte Qualität in Magister A. besteht darin – so könnte man sagen -  dass er in einem ernsten und strengen Sinn, von einer höheren Macht nach Hause geholt worden sei (...) Verdammnis besteht in der Reise in ein fremdes Land, in „auswärts“ sein...“
[“Most men live in relation to their own self as if they were constantly out, never at home ...The admirable quality in Magister A. consists in the fact that in a serious and strict sense one may say he was fetched home by a higher power; (...) perdition consists in journeying into a foreign land, in being “out”...”]  (quoted in Stanley Cavell, “Kierkegaard’s On Authority and Revelation”, Must we mean what we say?, Cambridge, 2003 p. 172)  Kierkegaard versteht die ‚unechte’ Offenbarung oder zweite Bekehrung Adlers analog zur deutschen Geopolitik avant la lettre – Gott holt seine Kreaturen ‚heim ins Reich’  – für Gott ist alles sein „zu Hause“ -  der Mensch ist ohnehin ein Fremder in Seiner Schöpfung – wann es ihm danach gelüstet – nimmt er den Fremdling wieder zu sich.

Heidegger betreibt sein eigenes Verdrehungsspiel mit Kierkegaards christlich existentialem „nicht Zuhause sein“ des Einzelnen.  Ausgehend von Ur-Befindlichkeit der „Angst“, die er von Kierkegaard übernimmt, ist „Dasein“ zunächst doch „zu Hause“ in der Alltäglichkeit „des Man“.  Jedoch ist dieses „zu Hause“ sein ein Trug, eine „Entfremdung“, noch schlimmer, eine ständige Flucht vor sich selbst.  Die Flucht nennt er Verfallen sein, die ehemalige christliche Erbsünde ist leicht darin zu erkennen.  Dasein ist gleichzeitig im Verfallen, im trügerischen „zu Hause“ in-der-Welt sein und auf der Flucht vor sich selbst.  So entsteht für Heidegger ein so genannter „ontologischer Bewegungsbegriff“.  Aber die ontologische Bewegung findet im räumlichen ‚Nirgends’ statt, somit ist sie Stillstand, eine bewegungslose Bewegtheit, eine Chimäre der Beschleunigung.  In jener bewegten Bewegungslosigkeit des Daseins kann man schon Heideggers Karriere als das philosophische ‚Gestell’ der Nazi-Bewegung in alle Ewigkeit vorausahnen.

Die Angst ist immer schon „da“ – in dem „Da“ von Dasein.  Angst und Dasein sind hiermit fast dasselbe.  „Das Drohende kann sich deshalb auch nicht aus einer bestimmten Richtung her innerhalb der Nähe nähern, es ist schon „Da“ – (...) und doch nirgends, es ist so nah, daß es beengt und einem den Atem verschlägt – und doch nirgends.“ (Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen, 1986, S.186)  Es gibt aber eine Rettung aus diesem ruhelosen Stillstand des Verfallen seins – wenn Dasein „sich ängstet“, dann holt die Angst, wie ehemals Gott, Dasein in seinem „un-Zuhause“„zurück“.  Was früher, in der Theologie, das christliche ‚zu Hause sein bei Gott’ gewesen war, ist in der Heideggerschen Ontologie zu einem un-Zuhause des Daseins bei sich selbst geworden.  So bleibt doch das urchristliche Zuhause – einmalig und authentisch – dem christlichen Gott erhalten.

Badiou, dessen Philosophie an der Fundamentalontologie Heideggers direkt anschließt, neigt zu einer ähnlichen Vortäuschung der Bewegung durch die Vermengung und Austauschbarkeit seiner Begriffe – so gilt für Badiou das „Generische“ als die Ureinheit seiner Ontologie  und auch als die allgemeine Bezeichnung der Wahrheit und der von ihm bestimmten vier Wahrheits-prozeduren – die Liebe, die Politik, die Mathematik (Wissenschaft) und die Kunst (Poesie).  Das Generische nimmt bei Badiou den Platz von „Dasein“ ein.  Das „un-Zuhause“ des Daseins verbirgt sich jetzt hinter den vier „Operationen“ die zusammengenommen, „die Wahrheit“ aus dem Nichts herausschneiden.  Die Operationen sind alle unbestimmte – wie das „un-Zuhause“: ‚das Unentscheidbare, das Unfeststellbare, das Generische, das Unbenennbare’.  Der Schimmer der christlichen Theologie zeichnet sich diesmal formal und abstrakt ab – jene vier Operationen heißen bei Badiou „das Kreuz des Seins“.  So schließt sich der Zirkel des Stillstands.







 




   

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