Mittwoch, 19. August 2015

Phanice und der Planet der Wölfe



„Liebe, mir ausgeliefert auf Gnade und Ungnade, 
was würdest du sagen von einem ultravioletten 
Kastell über einem Dorf, von Typhus verheert?
Das läßt sich besuchen.“
(Vor sich Selbst, René Char)



Englische Fragmente und Legenden der Alchimie 
Mythisches Vorwort


Auf der Suche nach einem neuen Planeten
Reise-Astronomie für Waise und Taubenvolk

Am Anfang war die Zahl.
Am Anfang war der Zufall.

Die Geographie des alten Planeten
Die verhängnisvollen Reisen seiner Charakteren

Der Garten des alten Planeten
Der Baum des Glücks
der Baum des Unglücks.

Die primitiven Unglückstiere – Eichhörnchen
       Ratten
       Fliegende Ameisen
       Tauben
       Kolkraben

Die Mythische Evolution der Spezies von Zufällen

Die Nacht des Saturns

Die Höhlen und das Wasser
Der Vorrang des Wassers in der Primitivitätsskala

Das Zwischending – der Sumpf, der Schlammassel

Die Bedeutung des Chaos für den Primitiven – sein Urheim

Der höhere Charakter – der Snob

Die Nacht beneidete den Vollmond, sein Licht und sein Wesen.
„Ich will nicht aufgehellt werden.  Bin ich mir selbst nicht genug?“

Die Familie der Schwämme – zwischen Tier und Pflanze und Mensch 
    (végétal, minéral, animal)

Er ging vorbei in Sonnenbrillen, einen roten Karren vor sich herschiebend, in der Hand einen Stock – der blinde Briefträger, auch ‚blinder Cupido’ genannt. 

L'homme-végétal und seine Merino Tochter Phanice



Phanice bekommt Besuch


Am Nachmittag nach der Schule lag Phanice auf dem Sofa, ihre Beine wie üblich unter ihren wolligen Körper gesteckt.  Sie träumte von dem Sohn des Rechtsanwalts, der sie zu einem Ruderfest eingeladen hatte.  Er hatte auch viele andere Mädchen eingeladen, aber sie hoffte ihr Fell und ihre Hörner würden so unwiderstehlich auf ihn wirken, daß ihn die Gelegenheit sie streicheln zu können von allen anderen Mädchen ablenken würde.

Auf einmal  hörte sie ein feines Kratzen an der Tür, dann etwas, das wie ein leises Sägen oder ein dumpfes Scharren klang.  Sie sprang vom Sofa hoch, schüttelte sich heftig und ging zur Tür.  Mit ihrer Pfote drückte sie die Klinke herunter, mit der Nase öffnete sie die Tür.  Ein Baum stand im Eingang.  Er verdeckte fast das ganze Tageslicht, das durch die Türöffnung in die finstere Diele eindrang.  Das Tageslicht war ohnehin fahl und dämmerig.  Der Baum schien zu atmen – die Merino Tochter Phanice, die eine bunte Kreuzung zwischen Schaf, altenglischem Hirtenhund und Mädchen war, hörte mit ihrem feinen Hunde-Gehör, eine unendliche, traurige Stimme.  Ihre spirituellen Fähigkeiten verdankte sie ihren hündischen Anteilen.  Erst dann merkte sie, daß der Baum kein Baum im herkömmlichen Sinn sein konnte.  Der oberste kahle weiße Stumpf eines dicken Asts  war sein Gesicht.  Der Baum beugte sich nach vorne aus dem knorrigen Stamm heraus, aus der Kapuze einer großen faltigen Mönchskutte.  Der Baum und der Mönch waren ein einziges nicht zerteilbares Wesen.  Wie und warum der Baum-Mönch sich hierher bewegt hatte, blieb ihr unerklärlich.  Die Merino Tochter bestaunte die schweren abgerissenen Wurzeln, die er hinter sich herschleppte.

Seine ausladenden Äste machten es ihm unmöglich einzutreten.  Er schien es auch nicht zu wollen.  Vielleicht bedauerte er schon die lange Reise.  Hätte er überhaupt kommen sollen?  Sie haben sich nicht wiedererkannt.  Seine Geheimnisse schien er alle für sich behalten zu wollen.






Der Vogel auf dem Baum-Mönch

Die Merino Tochter Phanice hat nicht sofort bemerkt, daß der Baum-Mönch nicht allein war.  Das trübe Licht hellte sich geringfügig auf.  Es fing an zu schneien – nur dort wo der Baum stand.  Der Schnee flog in alle möglichen Richtungen, aber er blieb nur um den Baum herum liegen.  Er fiel nicht so sehr wie er wirbelte, vor allem um den ‚Kopf’ des Baum-Mönchs.  So entdeckte Phanice auf einem der Äste, der oberhalb des Eingangs endete einen Kolkraben, dessen Schnabel von einem goldenen Ring durchstochen war.  Der Kolkrabe klammerte sich in der Schräge auf der Spitze des Asts fest.  Nie hatte Phanice solch einen spitzen Schnabel und solch lange Klauen gesehen.  Der Schnabel sah scharf geschliffen aus – ein Türkenschwert, ein Fallbeil oder ein Diamantschneider.  Als würde er ihren Gedanken erraten können, hob sich der Kolkrabe in die Luft und mit einem unerwarteten Sturzflug zerschmiß er die Milchflasche und einen Blumentopf, die auf der Schwelle standen, so daß der Eingangstritt weiß und schlammig wurde.  Dann kehrte er wieder zum Ast zurück.
Phanice ängstigte sich über den Schlamm und die Glassplitter, die ihre zarten Pfoten möglicherweise verletzen könnten.  Hatte der Vogel vor, noch weitere Veränderungen vorzunehmen?  Sie traute sich nicht die Blumentopfscherben einzusammeln oder die verschüttete Erde zu einem Haufen zusammenzukehren.  Obgleich sie noch nie  solchen Besuch hatte,  schien es ihr ratsam, alles so zu lassen.  Würde sie versuchen es rückgängig machen zu wollen, wirke sie vielleicht unhöflich oder gäbe den Besuchern Anlaß, ihr Aufräumen wie eine Provokation aufzufassen.  Ohne viel Geschichtswissen zu haben, dachte Phanice, der Besuch des Baum-Mönchs und des Kolkrabens müsse eine Art Belagerung sein.

Phanice bemühte sich tapfer und standhaft zu bleiben.  Es war vielleicht wieder nur eine dieser Mutproben, die von ihrem Bruder Anton und ihrer Mutter Eva für sie ausgedacht worden war.  Seit die beiden wussten, daß sie sich so sehr vor Mäusen und Spinnen fürchtete, nutzten sie jede Gelegenheit, sie von ihrer Ängstlichkeit zu kurieren.  Bislang hatten sie ihr unzählige Spinnen und Mäuse ins Bett und in die Badewanne gelegt.  Einmal versteckten sie eine Fledermaus in ihrem Kleiderschrank.  Als sie die Tür in der Dämmerung öffnete, flog ihr das Tier ins Gesicht.  Phanice mußte zugestehen, daß die ständige Diät solcher Schreck-Überraschungen einen gewissen heilsamen Effekt erzeugte.  Die Mutter und der Bruder hatten sie so sehr an den Schreck gewöhnt, daß Phanice allmählich dazu neigte die Überraschungen ein bißchen zu leicht zu nehmen.

Auf der Haut-Rinde, der Kutte des Baum-Mönchs gab es manche Stellen, die sehr verrottet aussahen, worauf Schwärme von winzigen Fliegen und fliegenden Ameisen hin-und-her hüpften.  Phanice erinnerte sich vage an ihren Biologie-Unterricht.  Die Lehrerin hatte der Klasse von dem früheren gefährlichen Leben in den sumpfigen Gebieten des Reiches in Malaysia und Singapore erzählt.  Die Viktorianer hätten sich vor allem vor der Tse-Tse Fliege gefürchtet, die so harmlos aussah, wie jene, die Phanice jetzt auf und unter der Haut-Rinde des Baum-Mönchs herumkriechen sah.  Solche Fliegen bauen ihre Nester nur in toten Bäumen.  Phanice liebte den Biologie-Unterricht hauptsächlich weil sie dann neben dem schönen Matthias saß.
„Sind Sie ein toter Baum?“
Die vermummte Stimme antwortet.  Die Stimme kommt irgendwo aus dem Baumherzen heraus.  Sie klingt  müde, schwer atmend aber nicht feindselig.  
„Ich bin dein Stammbaum.“, sagt sie.
Phanice findet diese ganze Erscheinung doch sehr wunderlich.  Ein Baum ist ein Baum auch wenn er auf unerwartete Weise vor der Tür steht.  Warum leidet der Baum-Mönch unter dem Wahn mit ihr verwandt zu sein?  
„Ich habe keine Baumverwandten!“ erwidert sie mit ungeduldigem Nachdruck.
„Jeder englische Mensch stammt von den Bäumen ab.  Jeder Baum stammt von irgendeinem Baum im Garten Eden ab.  Wir sind eine alte vegetabilische Rasse.  Ich selbst war früher ein Mönch.  Weil ich einen König vergiftete lebe ich in diesem Baumkörper als Seele gefangen.  Ich verabreichte das Gift im Auftrag eines Menschen, der dem König John sehr nah stand.  Der Bastard von Falconbridge hatte mich dafür bezahlt, danach geleugnet.  Ich bin verdammt, die Geschichte des Verräters und des eigentlichen Mörders immer wieder zu erzählen.  Bastarde freuen sich an  dem Untergang von Legitimen, auch wenn es ihnen keine erkennbaren Vorteile bringt.  Der Untergang selbst ist ihr Vorteil.  Hüte dich Bastarde in deiner Nähe zu halten, besonders wenn sie sich nützlich machen.“
„Sie wollen mir damit sagen, daß ich der Nachkömmling eines Giftmörders bin.  Dann bleibe ich lieber der Abkömmling eines Baumes.“
„Man kann beides sein.  Die Haare auf deiner Stirn werden sich unmerklich verwandeln.  Sie werden fester und statt Haar zu sein, werden sie ganz allmählich Zellulose – Baumrinde.  Deine Locken werden Blattwerk werden, alle möglichen Baumläufer, Efeu, Kletterpflanzen und Lianen.  Vogelschnäbel werden dich nach Ohrwürmern und Blattläusen absuchen.  Alle Witterungen wirst Du ertragen müssen.  Der Blitz wird dich kitzeln.  Du wirst dir einbilden, daß es immer so gewesen war.  So täuscht sich der Mensch.  Ein Baum täuscht sich nicht.  Du wirst vergessen, daß es je anders war, dennoch wirst Du glauben, daß Du ein Mädchen wie alle anderen bist.“

Phanice stand starr und versteinert in der Diele.  Die Baumteile ihres Mädchendaseins wurden ihr, nach der düsteren Wahrsagerei ihres Stammbaumes, auf einmal deutlich spürbar, sie zuschnürende Jahresringe. Ist es nicht genug ein blühendes Mädchen zu sein, muß ich auch noch ein Baum sein, dachte sie ganz fassungslos über diese Neuigkeit.

Der Baum-Mönch setzt seine Rede fort:
„Irgendwann treibt dich deine Herkunft in die Fremde.  Du wirst dem Ruf  der Wildnis nicht widerstehen können.  Dein Urwesen wird in dir wach.  So wie es mir ergangen ist.
Ich wuchs in einem Wald in der Nähe von einem großen Richtplatz auf.  In unserer Kindheit fingen wir als ganz normale Alraune an, aber irgendwann mutierte sich meine Art – aus einer Wurzel wurde ein Baum.  Als wir Alraune alle zusammen in die Höhe zu schiessen anfingen, löschten unsere Wipfel das gesamte Licht am Boden aus.  Es  wurde stockfinster bei uns, der Wald fing zu sterben an.  Ich als einziger riß meine laut schreienden Wurzeln aus dem Heimatboden heraus.  So fing mein Wanderleben an – ich entdeckte in mir das beduinische Blut, vielleicht fielen neben meiner Wiege einige Blut-und-Sperma Tropfen eines Gerichteten aus einem solchen Stamm ab.  So gilt für mich seit dann der Spruch Mohammeds an seine Araber: „ne laisse pas retourner en arrière!“

Die Rede des Stammbaumes tat schon seine Wirkung.  Phanice empfand ihr bisheriges Leben zu Hause als ein Eingesperrt-Sein in einem schmalen Sofa-Käfig.  Obgleich die Zukunft angeblich nur noch sehr unangenehme Verwandlungen für sie bereit hielt, war sie anziehender als die Gegenwart mit den anderen zu Hause.
„Ich wünsche ich wäre weit weg von den anderen – auf einem neuen Planeten, wo vieles verkehrt ist aber nicht alles.  Und wohin die anderen mich nicht verfolgen können.“
Danach wurde sie so still und reglos, daß es ihr gar nicht einfiel, die grünlichen Tränen, die über ihre Backen liefen, mit der Vorderpfote wegzutrocknen.






Die Geheime Reise

Phanice wiederholte den Zaubersatz von Dr Emil Coué, den ihr die Großmutter Livia beigebracht hatte, als sie krank mit den Masern im Bett lag, „Jeden Tag, auf jede erdenkliche Weise, werde ich besser und immer besser.“, mit der Hoffnung sich dadurch von ihrem Baum-Sein zu heilen.  Indessen, stritt sie schon wieder mit ihrem Bruder Anton, weil er ihr eine Trauerschleiche und einen Schwarm fliegender Ameisen ins Bett gelegt hatte, ohne daß die Mutter Eva ihn dafür gescholten hätte.  Ihre Ausrede war wie immer, daß Phanice ohnehin zu ängstlich sei, sie müsse für das Leben richtig abgehärtet werden.  Es sei ihre mütterliche Pflicht gewesen, Anton dabei zu unterstützen.  Phanice flüchtet sich zu ihrer Freundin der Schneiderin.  Sie wohnt in der nächsten Straße.  Die Schneiderin ist eine verschwiegene kleine blaße Person, die ganz zurückgezogen, allein mit ihrem großen Schäferhund lebt.  Ihr kleiner Vorhof ist von hohen Tannen verbarrikadiert.  Sie war früher ein Mann gewesen, ein Regimentsschneider von einem Hussarenregiment.  Sie hieß Marilyn Paul.  Sie schneiderte Kleider nach Maß für Transvestiten, die wie sie aus dem militärischen Sektor herstammten.  Phanice vertrug sich gut mit Marilyns Schäferhündin Madeleine.
„Es ist mir mit ihnen so eng geworden, ich ersticke zu Hause.  Sie wollen mich sowieso herausekeln.“  Phanice schüttet ihr Herz bei Marilyn aus.  Marilyn rät ihr zur Geduld.  Die Rettung wachse in der Nähe.  Alles löse sich bald, Phanice stecke nur in einer schwierigen Phase.  Auch solche Zeiten gehen vorbei, das wisse sie selbst, aus eigener Erfahrung.  Phanice dankte ihrer Freundin, streichelte Madeleine am Kopf, gab ihr einen Hundekuchen und lief zum Wasser.

Es war ein trüber Nachmittag im kalten Spätfrühling.  Rauchige Nebelstreifen zogen über das lange und das kurzgeschorene Gras am Ufer.  Phanice saß auf einer Bank neben der weißen Eisenbrücke wo alle Rudermannschaften vorbeirudern mußten.  Das Frühlingstrimester der Internatsschulen hatte gerade angefangen.  Vielleicht würde der Sohn des Rechtsanwalts vorbeirudern.  Er war Kapitän der Rudermannschft von der berühmten nautischen Internatsschule, die hoch über dem Dorf auf dem höchsten Hügel in der ganzen königlichen Grafschaft residierte.  Die Mannschaft hatte viele Preise bei der königlichen Regatta in Henley gewonnen – das wichtigste Datum im Rudererkalender, außer dem Oxford-Cambridge Rennen.

Der Sohn des Rechtsanwalts hatte ein schwieriges Erbe antreten müssen.  Sein Vorgänger als Mannschafts-Kapitän, der Sohn des Autohändlers, war in seinem silbernen Sportswagen tödlich verunglückt.  Sein Vater hatte ihn einige hundert Meter vom Familienhaus entfernt, unter einem dichten Gestrüpp in seinem überschlagenen Auto tot aufgefunden.  So niedrig und undurchdringlich war es unter dem Gestrüpp, wo die Todesfahrt des Sohnes endete, daß sein Vater auf seinem Bauch wie eine Schlange zu ihm hinkriechen mußte.  Das ganze Unglück ereignete sich nur drei Meter abseits von der Straße.  Niemand wußte wie der Unfall passierte.  Der Vater vermutete, sein Sohn mußte irgendeinem wilden Tier ausgewichen sein.  Der Schulpfarrer sagte es sei Schickung, eine Fügung.  Der Sohn war ein ‚goldener Junge’ gewesen.  Zwei Goldmedaillen hatte er im Rudern gewonnen.  Er sah dem Kronprinzensohn verblüffend ähnlich.  Die Eltern stifteten im Namen ihres Sohnes eine Bank am Flußufer der Themse bei Henley.  Seine Goldmedaillen schenkten sie dem Sohn des Rechtsanwalts.  Der trug sie über seinem Herzen.  Bislang hatten sie ihm und der Mannschaft nur Glück gebracht.

Phanicens Wunsch ging in Erfüllung. Die Mannschaft trainierte an dem Tag.  Der Sohn des Rechtsanwalts war nicht erkennbar in dem Gewirr von Armen und Ruderblättern, sie glitten auch so schnell vorbei, wie ihre Parade durchs Dorf zum jährlichen Gedenktag der Kriegsgefallenen.  Dennoch winkte sie lang in ihre Richtung bis ihr der Arm wehtat.  Phanice bemerkte zuerst nicht, daß sich neben ihr ein Mann hingesetzt hatte.  Er hielt eine Zeitung in der Hand, las aber nicht.  Sie hörte endlich auf zu winken, aber blickte den Ruderern noch lange nach, bis sie vom Fluchtpunkt ganz eingesogen worden waren; ihr Blick trifft dann auf den Mann in ihrer nächsten Nähe.  Sie erschreckt.  Er sitzt so still und unbeweglich.  Seine ganze Bewegtheit ist in seinen Augen.  Sie sind unheimlich und lassen keinen Augenblick von Phanice los.  Phanice will nicht genau hinsehen.  Die Augen scheinen ihr sehr rot und irgendwie puderig umrandet.  Es gibt netzartige Gebilde um sie herum – als hätten die Augen mehrere Lider und Wimpern als gewöhnlich.  Sie wusste gar nicht wie lange er schon da gewesen war – ob er bereits bei ihrer Ankunft auf der Bank saß.  Irgendwie kam er wie aus der Luft.  Wenigstens hatte er sich in aller Muße an sie heranmachen können während sie abgelenkt und zerstreut war.  Es gab sonst niemanden am Ufer.  Nur die Schwäne der Königin blieben noch auf dem Kai – ihre weißen Profile setzten sich gegen den grauen Strom ab.  Viel weiter Flußabwärts waren einige verhängte, unbewohnt aussehende Hausboote festgemacht.

Sie wollte gleich nach Hause gehen.  Er spricht sie an.
„Wohnen Sie hier?“
„Ich wohne im Dorf.“
„Dann habe ich ganz bestimmt auch Luftaufnahmen von Ihrem Haus.“
„Luftaufnahmen?  Was meinen Sie?“
„Ganz einfach.  Ihr Haus, wie es von der Luft betrachtet aussieht – auf einer Photographie.“
„Wie sind Sie dazugekommen?“
„Ich bin Flieger.  Genauer gesagt, bin ich ein Nachtflieger.  Aber leider muß ich irgendwie leben, so verkaufe ich meine Luftaufnahmen.  Das fällt mir schwer, nicht das Verkaufen selbst, nur das Sich-Abtrennen von jedem Bild.  Die Wunde heilt nie ganz.  Ich sitze hier wenn ich mich vom Verkaufen ein wenig ausruhen möchte.“
„Haben Sie die Luftaufnahmen in der Nacht gemacht?“
„Ja.  Aber auf dem Bild sieht es wie Tag aus.“
„Warum verkaufen Sie wenn es Ihnen so wehtut?“
„Es ist ein Teufelskreis.  Mir ist das Verkaufen so leid, daß ich nur hin und wieder daran denke, aber dann äußerst ungenau, je weniger ich daran denke, um so besser läuft es, so daß mein Leid direkt dazu beiträgt das Geschäft, das ich nicht will, zu vermehren, was die Fähigkeit daran nicht zu denken aufs Äußerste strapaziert.  Deshalb weiß ich nicht ob ich schon einmal hier gewesen bin und auf welche Art Sie und die Ihrigen mich damals empfangen haben.“
„Wann waren Sie bei uns gewesen?“
„Wahrscheinlich vor fünf Jahren – aber Sie waren bestimmt noch sehr klein gewesen.  Ich habe mit Ihrem Vater gesprochen – ich erinnere mich jetzt deutlicher daran.  Er war eine philosophische Natur, was bei uns Engländern eine Seltenheit ist.  Meine Art zu arbeiten, in Abständen von fünf Jahren leuchtete ihm ein.  Er wollte gerne erfahren, wie alles in fünf Jahren noch aussehen würde.  Auf seinen Wunsch hin bin ich heute wieder durch Ihr Dorf durchgekommen.  Das nächste Mal wird frühestens wieder in fünf Jahren sein.  Heute morgen waren noch alle meine Preise voll, ohne Verfall, im Laufe des Tages sind sie so eingebrochen als wären die fünf Jahre schon abgelaufen, das Haus schon völlig verwandelt, das Luftbild das letzte Zeugnis eines verlorenen Freundes.  Ich bringe Ihnen und Ihrem Vater (...)“
„Mein Vater ist tot.“
„Das tut mir leid.  Entschuldige.  Wie hätte ich das wissen können.  Aber um so mehr ist mein Luftbild von deinem Haus, das letzte Zeugnis eines verlorenen Freundes.   Ich bringe sein erloschenes Lebenszeichen, dazu in mittäglichen Farben, schon ist das Bild, die Vorstellung, das einzige Übriggebliebene vom Ort des Glücks.  Es war nur ein Saisongeschäft.“
„Haben Sie die Bilder dabei?“
„Ja.  Also nicht dabei.  Im Auto.  Nicht weit.“






Sie laufen durch das Dorf – an der ausgebrannten Tankstelle und an der leerstehenden niedrigen Häuserreihe in der Randsiedlung wo das Dorf ausläuft vorbei.  Die Häuserreihe war schon eine ganze Weile unbewohnt, von Großbauplänen zum Abriss bestimmt.  Sie ist bereits mehrfach von Unbekannten geschändet worden; die nicht mehr passenden Türen zu den kleinen Gartenschuppen öffnen und schliessen sich unaufhörlich im leisesten Wind.  Aus irgendwelchen Gründen sind dann alle Haustüren und Fenster zugemauert worden.  Es ist schauderhaft an den früher bewohnten jetzt eingemauerten Hohlraum der Häuser zu denken – als ob die Insaßen alle  nachträglich lebendig beerdigt worden wären.  In der Nähe dieses Abbruchgeländes pflegen Lastwagen und andere größere Fahrzeuge von außerhalb, die nur auf der Durchfahrt sind zu parken.  Zur Dorfseite hin ist die Ecke von einer wildwuchernden Hecke aus Tannen und runden sich auftürmenden immergrünen Viburnum tinus Sträuchern abgeschirmt.  Die Straße dämmert hinter einer Festungsmauer aus Kastanienbäumen.  Die ganze Ecke ist eine falsche Sackgasse am Rande der Felder.  Manche Fahrer von den großen Lastwagen schlafen dort in ihren Kabinen.  Neben einer Bauschuttmulde parkt eine pinkfarbige ‚Stretchlimousine’.  Die Limousine ist das Auto des Nachtfliegers.  Phanice ist augenblicklich von dem Auto eingenommen.  Leider erinnert es sie an die Bitterkeit eines Versäumnisses.
„Ich wollte immer Balletstunden nehmen.  Die Eltern haben es nicht erlaubt.  Eine Primaballerina zu sein wäre so himmlisch gewesen – das rosa Tutu anziehen, stets im Spitzenschuh auf der ganzen Spitze stehen und im Spiegelsaal Pirouetten drehen, das wäre für mich das richtige gewesen.  Sie sagten mir meine Füßen seien zu groß.  Ich mußte Klavierstunden haben.  Ich hasse das Klavier.  Ich wollte immer so hochspringen können wie die anderen Mädchen.  So habe ich mir das Springen selbst beigebracht.“ 
Der Nachtflieger wirft einen Blick auf ihre muskulösen Hundewaden.  Phanice tänzelt neben ihm her.  Sie spürt, während sie mit dem Nachtflieger durchs Dorf läuft, daß mit jedem Schritt des Nachtfliegers, die Erde unter seinen Füßen bebt.  Zunächst meint sie es wären Erschütterungen von vorbeifahrenden Zügen und Lastwagen – aber das Zittern ist zu nah und zu stetig.
„Warum bebt die Erde so unter Ihren Füßen?“
„Das hast Du fein gespürt.  Dein Spürsinn it doch sehr beeindruckend. Die meisten Menschen merken das gar nicht.  Mein Element ist die Luft.  Sie ist beweglicher als die Erde.  Wenn ich auf dem Lande bin, schleppe ich die ganzen Turbulenzen des Himmels an den Füßen mit mir herum.“
Spanischer Lavendel blüht in einsamer Schönheit neben dem Container, eine in den Kieselsteinen halb begrabenene schwarze Plane imitiert im Wind das Kratzen einer Amsel am Boden.  Phanice schaut den Kopf des Nachtfliegers von der Seite an, während er die Tür seiner Limousine aufschließt.  Sie sieht, daß an seinen Augenlidern fast undurchsichtige Flügel zu wachsen scheinen.  Zunächst denkt sie, es seien besonders lange Wimpern, aber es ist unleugbar, es sind Flügel.  Ob er von einem anderen Planeten kommt?  Sie erinnert sich wieder an ihren Biologieunterricht.  Die Lehrerin hatte erklärt, daß das Kamel drei Paar Augenlider hat, um seine Augen gegen Sandstürme zu schützen.  Ob es mit den Augenflügeln des Nachtfliegers eine ähnliche Bewandtnis hat?  Ist der andere Planet eine Wüste?  Er holt einige Luftaufnahmen aus einer Mappe neben dem Fahrersitz.  Sie sind schwarz-weiß und verschwommen.  Auf einigen Bildern sieht man einen fleckigen Mond.  
„Ich leide an der Farbenkrankheit.  Nur nachts ist das Licht von Farbe geheilt.“
„Mir ist ganz übel geworden.“, sagt Phanice.
„Das ist ein Anflug vom tierischen Rausch, der nur durch die Maschine gelöscht werden kann.  Es würde sich legen wenn wir erst mal in der Luft wären.“
„Meinen Sie wenn wir zu Ihrem Planeten fliegen?  Kommen sie von einem Planeten wo alles ganz anders ist?“
„Nicht ganz anders.  Aber es genügt mir so wie Du mir genügst.  Wenn Du willst fliegen wir dort hin.  Ich zeige Dir den Planeten.  Wie heißt Du eigentlich?“
„Ich heiße Phanice.  Wie heißen Sie?“
„Hypnos.  Wie der Name der Matratze.“

Die Stretchlimousine des Nachtfliegers hat die üblichen Rauchglas Fenster.  Auf den kurzen Hinterbacken des Autos befindet sich die Werbe-Aufschrift „stretched 4 u“.  Das Auto steht am Straßenrand, ein gestrandeter pinkfarbiger Leviathan.  Die Farbe ist ein chemischer Aufruhr, der das Auge mit tausenden von Schattierungen von tausenden falschen Morgenröten verführt.  Das Interieur des Autos ist eine Kreuzung aus einem Casino und der Sänfte eines Maharadschas.  Der hintere Teil bietet zwei Séparées mit entsprechenden pinkfarbigen Diwans an, die wehende Seidenvorhänge umhüllen.  Spiegel sind überall in der Decke und an den Seiten angebracht.  Man kann sich von vorne und von hinten gleichzeitig anschauen. Auf einem Roulettetisch, mitten im Autoinnenraum, liegen zerstreut Broschüren von der Gesellschaft für Wolfspatenschaften und die Leihbedingungen der Stretchlimousine.  Phanice ist vom Anblick des verbotenen Luxus des Autos benommen.  Sie merkt kaum wie der Nachtflieger Hypnos sie leicht hineinstößt.  Sie kommt im pinken Verlourswald ganz vom Weg ab.  Die Limousine ist ein typisches fahrendes Sodomsbett für Sportgeschäfte, wie man sie häufiger auf den Wegen der südlichen Grafschaften der Krone von Vorort zu Vorort pendeln sieht.
„Ich muß meine Mutter fragen, ob ich mitfahren darf?“
„Du brauchst die Mutter nicht fragen.  Wir werden bald wieder zurück sein.  Sie wird dich nicht vermissen.“
„Ist Ihr Planet nicht so weit?“
„Weit genug um sich auf einer eigenen Himmelsbahn zu drehen, aber nicht ganz von der Erde abgelöst.  Wir werden Abschied nehmen durch ein Teleskop.“
Phanice wollte eine kurze Bedenkzeit haben.  Ihr Zögern ist noch das Menschlichste was an ihr geblieben war.  Sie bittet den Nachtflieger mit ihr einen Termin für den Flug zu vereinbaren.  „Es ist noch nicht Nacht“, sagt sie.  „Wenn Sie ein Nachtflieger sind, dann können Sie doch nicht tagsüber fliegen?“
„Bis wir dort angelangt sind, wo ich dir den Planeten zeigen möchte, wird es Nacht sein.  Ich bin ein Nachtflieger auf jenem Planeten, hier kann ich fliegen wann immer ich Lust dazu habe.  Was kümmert es dich überhaupt? „il n'est plus de cœur gros ni d'avenir sur terre.“  "Für dich und für mich ist hier auf Erden keine Zukunft mehr." (René Char, Hypnos, Nr. 222)  Wir haben keine Zeit zu verlieren.  Die Nacht fängt dort bald an.  Außerdem, das Abgeholt-Werden bringt böses Glück, wenn wir jetzt einfach losziehen, werden alle Gefahren der Zwischenzeit, die bekannten und die unbekannten, schlichtweg eliminiert.“
„Spielen sie Schach auf jenem Planeten?  Gehen sie zur Schule?  Gibt es andere Mädchen wie mich?  Haben Sie vielleicht eine Reisebroschüre oder eine Landkarte von dem Planeten?“  Phanice erfindet immer neuen Fragen nur weil sie den Zeitpunkt der Abfahrt noch hinausschieben will.  Schon spürt sie aber wie auch ohne Wörter oder Berührungen, der Wille des Nachtfliegers sich mühelos ihrem eigenen verschrumpften, verdorrten Willen anheftet.
„Jung wie ich bin, bin ich ein Mensch von einer außerordentlichen Seßhaftigkeit.“, sagt Phanice innerlich schon vom Nachtflieger-Willen erobert.  Sie gibt nicht zu, daß sie die Reiselust in sich stark aufkommen fühlt, ahnt nicht, daß es bloß eine Täuschung ist, die vom anderen Willen in sie eingelassen war.
„Du bist ein Kind.“, sagt der Nachtflieger.  Er schaut zu, wie Phanice mit ihrer Vorderhand sich zwischen den Hinterbeinen kratzt.  Der Nachtflieger Hypnos ist schon ungeduldig geworden.  Er wartet gierig „die Minute absoluter Macht und Unverwundbarkeit ab, wenn er, der Bienenstock, zu den Ursprüngen der Höhe emporfliegen wird, mit all seinem Honig und allen seinen Bienen.“ (René Char, ebd. Nr. 203)   Seine grauen Zwiebelschalenflügel leuchten an seinem Kopf im Schein seines Augenlichts.
„Wo ist Ihr Flugzeug?“  Phanice behält ihre hartnäckige Mädchenskepsis bei.
„Flugzeuge kann man nicht einfach auf der Straße parken.  Ich fahre dich dorthin in meiner Limousine.“  Phanice hat einen ganzen Diwan für sich – wie ihr Sofa zu Hause.  Sie fahren los.  Zwei Motorradfahrer, die sich irgendwo in der unsichtbaren Nähe aufgehalten hatten, begleiten eine Weile die Limousine.  
„Es macht mir nichts aus, wenn Du Haare auf dem Diwan hinterlässt.“
Der Nachtflieger Hypnos und Phanice schauen sich im Autospiegel beim Sprechen an.  „Nimm dir so viel Schokolade wie Du willst.  Im Diwan ist eine Schublade.  Du findest dort eine Bonbonniere mit den feinsten belgischen Pralinen.  Ich habe sie selbst in Harrods gekauft.  Es gibt auch Himbeersaft, daneben stehen die Gläser.  Vor kurzem habe ich eine Kindergeburtstagsparty herumchauffiert.“
Phanice sieht jetzt, daß viele Ballons noch an der Decke kleben und auf einer Seitentruhe Popcorn Reste in einer eingesenkten Metallschale liegen.  „Ich habe Schokolade während der Fastenzeit aufgegeben.  Ich habe das unserem Pfarrer versprochen.  Weil mein Vater in dieser Zeit vor fünf Jahren gestorben ist.“
„Fünf Jahren ist schon lange her.  Ich werde es niemandem erzählen.  Du kannst mir glauben.“
Phanice hat indessen die Schublade schon gefunden.  Sie zieht am Messinggriff mit ihrer Pfote, dann öffnet sie die Schublade mit dem Maul.  Sie fällt über die Schokolade her, ißt so gierig davon, daß ihr ein Schokoladenschnurrbart um das spitze Maul wächst.  Seit ihrem Gelübde vor fünf Jahren, hatte sie kaum Schokolade gegessen.  Die Mutter kaufte nur für sich und Anton.  An Phanice wurde immer gespart.  Phanice greift in die Popcornschale.  Sie hatte einen unlöschbaren Heißhunger entwickelt.  Zu ihrem Entsetzen berührt sie etwas weiches, pelziges.  Es fühlt sich wie eine Maus an.  Sie zieht ihre Pfote schnell zurück. 
 „Haben Sie Mäuse im Auto?“  Wegen  ihrer häuslichen Erziehung, erwartet sie überall solches Kleintier.
„Das ist keine Maus.“, sagt der Nachtflieger, der Phanice in seinem Spiegel beobachtet.  „Nimm es ruhig heraus.“  Phanice taucht ihre Pfote wieder in die Schale hinein und holt einen kleinen grauen Beutel heraus, der mit einer Schnur zugezogen war.  „Hat jemand von der Geburtstagsparty sein Geschenk vergessen?“
„Vielleicht.  Mach es auf.“  Phanice öffnet den Beutel.  Sie findet darin einen funkelnden goldenen Ring.  Der Ring ist in der Gestalt eines Ourobouros geschmiedet – eine Schlange die ihren Schwanz frisst.  Die Augen aus Rubinen, der Schwanz mit Diamanten besetzt.  Auf dem Ring kann sie drei Wörter erkennen: ‚dis moi oui’.  Der Nachtflieger, der mit raubtierhafter Stille die Vorgänge hinter seinem Rücken im Spiegel verfolgt, sagt zu ihr:  „Probier den Ring an.  Wenn er dir passt, kannst Du ihn behalten.“  Phanice steckt den Ring sofort an ihre gespreizte Pfote – er passt irgendwie.  Auf jeden Fall hätte sie ihn nicht wieder abstreifen können.
„Der Ring steckt fest.“, sagt Phanice.
„Gut.  Jetzt sind wir verlobt.“
Phanice fühlt sich ganz vom Glück vergewaltigt.  Wenn ihre Mutter und Anton sie jetzt sehen könnten.  Mit ihrem Nachtfliegerverlobten in seiner Limousine auf dem Weg zu seinem Privatflugzeug, einen Diamantenverlobungsring am Finger – besser sie sähen es nicht, sie würden nur neidisch sein und alles zu zerstören versuchen.  Sie schläft bei diesen trunkenen Gedanken mitten im Kauen fest auf dem Diwan ein.  Der Nachtflieger schaut Phanice im Spiegel an und denkt:  „Jetzt ist sie ganz die Wölfin – Lupa.“ 






Während Phanice im tiefen Schlaf auf dem Diwan der Limousine lag, hielt der Nachtflieger am Seitenstreifen der Autobahn an.  Er schnitt zwei Kreise und ein Dreieck aus ihrer Unterwäsche heraus, dann malte er in den drei entstandenen Öffnungen ihre Warzenhöfe und Schamteile mit Goldstaub an, so wie es die Huren im alten Rom taten.  Er setzte ihr die goldene Perücke auf, altrömisches Zeichen des Gewerbes.  So gelang es ihm, den unverkennbaren Ansatz von Hunde-Wolfsohren, die durch ihr Mädchenhaar hervorstachen, verschwinden zu lassen.  Sie bekam das mildere Aussehen ‚der großherzigen Wölfin’ Baudelaires, die ein ganzes Universum von ihren goldenen Zitzen gerne schwingen lassen würde, dennoch keusch wirke.  Er legte sich zu ihr und schaute sie und sich im Deckenspiegel an, als wäre er ein anderer.  Da wo der Mensch mehr behaart ist, so wie ein Tier, ist sie weniger so.  Ihre Schenkel und Bauch waren zum großen Teil noch mädchenhaft glatt, aber wie marmoriert.  Ein Wirbel Mädchenhaut war von einem Wirbel Wolfsfell umringelt – als ob die Verwandlung noch nicht beendet worden wäre.

Hypnos überließ sich seinen Zukunftsüberlegungen.  Was jetzt passierte war alles nur Vorspiel gewesen.  Nach der Extase, wenn er sich an der Wölfin Phanice gesättigt haben würde, könnte er sie für viel Geld am neuen ‚forum morionum’, ein Markt nach altrömischem Muster in Jassy an der Pruth versteigern lassen.  Was ist schon die Lebenserwartung von so einem mutierten Mädchen – keine Lebensversicherung würde für sie eine Police abschließen wollen.  Es bleibt mir nur der Verkauf. Die speziellen Märkte für Wolfsmenschhybriden sind in Jassy – sonst brächte er sie nach Talinin wo die Hundekreuzungen die Szene dominieren.  Die steinreichen Russinnen treiben die Preise ins unendliche, wenn es um westliche Subjekte geht.  Allerdings wenn er nach Talinin ausweichen müsse, wäre es wie Kohlen nach Newcastle oder Eulen nach Athen tragen oder die Pest nach Riga einführen.  Angelsächsische Kreuzungen sind als Zofen bei den großreichen Russinnen sehr gefragt, so wie im achtzehnten Jahrhundert Pygmäen aus Afrika an den feinsten französischen Salons als Schoßtiere beliebt waren.  Früher war es hauptsächlich das Vorrecht der Ottomanen sich von Stummen, Schwarzen oder Naturwundern bedienen zu lassen.  Dem Nachtflieger ging es  nicht hauptsächlich um den Erlös für die Wölfin, aber wenn die Extase aus and vorbei sein würde, wäre es besser, daß die Wölfin unter neue feste Obhut käme.  Sonst liefe sie ihm womöglich nach.  Er zog sie wieder an und fuhr weiter.

Als Phanice aufwachte, hatte es schon zu regnen angefangen.  Sie wußte nicht wo sie war.  Durch das Rauchglas der Autofenster sah alles schon veraltet aus, hinfällig, als sei alles längst Vergangenheit, von grauem Schimmel überzogen und sie schon lange auf fremden Erden.  Es verstärkte in Phanice die Vorstellung, daß sie ihr altes Leben abstreifen müsse.  Der Regen war andauernd, ohne Höhen und Tiefen.  Sie fuhren durch ein Tal von Regen – steile Wände von Bäumen engten sie von beiden Seiten ein.  Regen stieg von Stufen aus Regen herab, in der Dämmerung verschluckt.  Gelegentlich stand vereinzelt eine schottische Fichte oder eine urzeitliche Eiche, bedrohliche Geschlechtertürme in der Weite der Landschaft.  Sie konnte kaum etwas erkennen, der Nachtflieger hatte die Scheibenwischer abgeschaltet.  Er schien sie nicht zu brauchen.  Sie gab es auf, die Landschaft und die Route zu verfolgen.  Die Grenze zwischen Land und Wasser war ganz durchlöchert, das Land von allerlei Strömungen zusammengenäht.  Jeder Strauch hatte seinen ‚Burggraben’, seinen Belagerungsturm.  Die Gärten lagen unter Wind und Regen und Bienenschlaf begraben.  Die Bienen-Kleider – die abgefallenen Blütenblätter.
„Wenn Du schnell aus dem Fenster schaust, siehst Du das Kloster wo man König James den Ersten von Schottland ermordet hat.“  Phanice fühlte sich unangenehm an die Geschichte des Baum-Mönchs erinnert, solches Blut eines Königsmörders floß möglicherweise auch in ihren Venen.  Die Ruine war schon verschwunden, ehe Phanice sie sehen konnte.  „Einst mußt Du wissen.  In der Nacht ist man nie sicher wo man hinfliegt.  Es ist einfach dunkel.  Deine Instinkte müssen dich leiten.  Aber die Instinkte sind unzuverlässig.  Man kann sie leicht täuschen und in die Irre führen.  In der Nacht ist die Navigation ganz der Willkür überlassen.  Ich nenne dich ab jetzt Messalina.“
Phanice wird ganz rastlos.  Endlich bittet sie den Nachtflieger irgendwo anzuhalten. „Ich muß.  Verstehen Sie?“  Er hält an.  Die Tür geht auf.  Phanice springt heraus, verkriecht sich im Gebüsch.  Nach einer Weile kehrt sie zurück, dankbar und erleichtert.  Mein Verlobter ist doch sehr sensibel, nicht nur wohlhabend und weltmännisch, eine gemeinsame Reise zeigt den wahren Charakter eines Menschen.  Ich habe eine gute Wahl in ihm getroffen.  Mit solchen trostreichen Gedanken beschäftigt, versinkt Phanice in eine süßliche Andacht.
„So wie ich keine Primaballerina geworden bin, so ist mein Vater kein Philosoph gewesen.  Sie hatten ihn gezwungen alles aufzugeben.  Er mußte etwas Nützliches machen, womit man Geld verdienen konnte.  Er wurde ein trauriger Englischlehrer. Später  wurde er dann Schuldirektor, blieb aber traurig.  Mein Onkel sagt, mein Vater habe unter seinem Stand geheiratet, aber daß ich ganz nach dem väterlichen Schlag geraten sei.“
„Wer sind sie, die ihn gezwungen haben?“
„Die Mutter.  Und Wittgenstein.“
„Wer ist das?“
„Ich weiß nicht genau.  Ein Fremder, ein Philosoph, irgendwie ein Genie, aber mehr wie ein Zauberer, der die Leute mit Voodoo und schwarzer Magie verhexte.  Immer wenn die Eltern  miteinander stritten, sagte die Mutter, es sei nicht ihre Schuld gewesen.  Wittgenstein habe an alldem Scheitern Schuld gehabt.  Er und nicht sie habe meinem Vater die Philosophie vergällt.“
Das verdorbene Leben wird vererbt, dachte der Nachtflieger für sich.  Aus dem väterlichen Standbild der Enttäuschung ist die läufige Wölfin herausgekrochen.
„Wenn sie sich nicht stritten, war mein Vater fast wortlos.  Er verständigte sich mit uns fast nur mit Blicken.“
„Altum silentium.“
„Wenn man Schönheit aus sich heraus schafft, wird man dann selbst weniger schön?  Mein Onkel ist ein Künstler.  Er ist sehr schön.  Ich werde an der Schönheitsvermehrung arbeiten wie er.  Sind Sie ein Künstler?“
„Sic vos non vobis.“






Am Flugplatzeingang stand ein großer Torbogen aus Eisenfiligran.  Es war ein riesiges Schafott in der unendlichen Weite der Nacht.  Phanice konnte nur die Wörter „Welcome to“ erkennen.  Nach einer zusätzlichen langen Strecke, die ständig auf und abstieg, an Hangars und baufälligen Baracken, an Unkrautfeldern vorbei, kamen sie an einer gemauerten Wachstube aus rotem Backstein an.  Im rechten Winkel zur Wachstube blockiert eine uralte Schranke den Weg.  Kein Wachposten ist zu sehen.  Der Nachtflieger schaltet den Motor aus.  Die Reise ist vorläufig an ihr Ende gekommen.
„Wir müssen uns ein Weilchen gedulden.“, sagt er zu der schläfrigen Phanice.  „Es gibt nur einen Wachsoldat.  Er ist auch der Schweißer.  Er ist ein schwerhöriger Trinker.  Irgendwelche Kriegsschäden aus dem Balkan.  Nichts weckt ihn aus dem Schlaf.  Irgendwann steht er auf.  Meistens zwischen zwei und vier Uhr morgens.“  Links und rechts von der Schranke jenseits eines Wäldchens liegen unermesslich große ehemalige Golfplätze, die fast bis zur Meeresküste reichen.  Sie wurden in früheren Zeiten von den Fliegeroffizieren bespielt, als es noch ein Empire gegeben hat.  Sie sehen noch wie neu aus.  Nirgendswo sind Menschen zu sehen, als hätte der letzte Mensch den Ort vor fünfzig Jahren verlassen.
„Wie heißt dieser Flugplatz?  Sind wir in der Nähe von Heathrow?  Wo ist Ihr Flugzeug?“, fragt Phanice.  Ihre Augenlider sind mit Salz verkrustet und verklebt.  Sie sind dort angekommen, wo die Nordsee zum Totenmeer wird.  Da befinden sich der Flugplatz und die schlichten Feld-Hangars des Nachtfliegers.
„Wir sind im Norden, an der Nordsee.  Hast Du die ganze Reise verschlafen?  Der Flugplatz heißt ‚Charter Hall’.  Das Fluggelände steht unter Denkmalschutz. Im Volksmund nannte man den Stützpunkt „Slaughter All“, weil hier die alten untauglichen Flugzeuge, die Bisleys und die Blenheims, von den verdorbenen untauglichen Fliegern in ihren endgültigen Absturz hineingeflogen worden waren. Das war das Reglement.  Es waren ausgediente Helden und ausgediente Maschinen - so beseitigten sie sich gegenseitig. Es war ökonomisch, natürlich, moralisch.  Hier oben gibt es wenig Häuser. So daß die Gefährdung für die Bevölkerung durch die Abstürze sehr gering war.“
„Ist es ein bißchen wie damals als wir gegen die Japaner kämpften? Sie wissen was ich meine, jene Flieger, die sich in die britischen Schiffe hinabgestürzt haben?“
„Ein bißchen. Aber die Piloten von Charter Hall töteten nur sich selbst und höchstens ihre Navigatoren – nicht den Feind. Dafür waren sie nicht mehr gut genug.  Viele von ihnen kamen aus den Kolonien.  Die Bodenbelegschaft hatte mitgeholfen.  Nur zweitrangige Mechaniker wurden hierher versetzt. Solche denen bereits grobe Fahrlässigkeit nachgewiesen worden war.  Sie hatten allerlei kleine Reparaturen nicht ausgeführt. Die Sauerstofflaschen nicht aufgefüllt.  Ausgebrannte Lichter nicht ersetzt - aus Prinzip.  Die Bremsen der Maschinen waren leck.  Oft verklemmten sich die Flugzeugmotoren mitten im Flug oder fingen Feuer.  Die Piloten und Navigatoren küßten jedesmal den Boden wenn sie zufällig erfolgreich gelandet waren. Auch wenn sich der Scheibenwischermotor eines ihrer eigenen Reparaturwagen fest gefressen hatte, liessen die Mechaniker bei dem Ersatzmotor die Abdeckung einfach weg.  So rostete der Motor.  Das Meeressalz erzeugt ohnehin ein ideales Rostklima.  Das Salz verdirbt die Maschinen, beschleunigt die Unfälle.  Ein Fahrer findet sich im Sturm plötzlich ohne Scheibenwischer wieder.  Er wird zum Nachtflieger, der das Land nicht mehr durch seine Scheiben erkennen kann.  Die natürliche Auslese fand am Boden wie in der Luft statt. Es gab nicht einmal Stöpsel für Badewannen. Das Leben verlief wie ein fortwährendes russisches Roulette. Der Kommandant drückte ein Auge zu. Er öffnete die Post von den Verwandten nicht mehr.“
„Warum nicht?“
„Du fragst zu viele Fragen. Warum habe ich dir eine blonde Perücke aufgesetzt?  Weil Du mir so gefällst.“
„Gefalle ich Ihnen?“

Endlich schlurfte ein verschlafener Wachsoldat aus der Wachstube heraus. Seinem Waffenrock fehlten fast sämtliche Knöpfe. Unter dem Rock trug er ein gelbliches Unterhemd aus grober Wolle – seine Dienstkrawatte band er im Gehen um den nackten Hals. Er schien gerade aufgestanden zu sein. Er setzte seine Dienstmütze auf und hob die Schranke. Im Gegensatz zu seiner verlotterten Kleidung, war er glattrasiert und sein Kahlkopf sah frisch gewichst aus. Er hatte keine Ohren. Eine brennende Zigarette klebte in den dicken Wülsten seiner Lippen. Er trug gute feste Schnürschuhe.
„Warum hat er keine Ohren?“
„Er war beim Abhördienst.“
Der Nachtflieger Hypnos hielt das Herz seiner Navigatorin Phanice in der Hand.  Auch wenn es nicht die wahre Liebe war, war jenes in der Hand halten fast genauso tödlich.  Als sie aus der Limousine in der Nähe seines Flugzeugs ausstiegen, deutete der Nachtflieger zu einem elliptischen Himmelskörper. Er hing sehr tief und leuchtete trüb und rötlich.  Die Mondfinsternis. Ein verkappter Sonnenaufgang oder bloß verirrt.
„Schau, da ist der Bienenstock in den alle Bienen hineinfliegen wollen.  Das ist der Planet zu dem wir fliegen werden. Er fliegt auf uns zu. Wir werden uns ihm horizontal nähern.“
„Der Planet hängt so niedrig im Himmel.  Wird er herunterfallen, noch ehe wir ihn erreichen?  Vielleicht fällt er auf einen Acker, dort finden wir ihn nie wieder.  Dann wird der Bauer ihn für sich beanspruchen.  Wenn er gegen die Klippen zerschellt, können wir uns wenigstens vom Wrack irgendetwas holen.“
„Erst muß die Sonne sterben.  Bis dann hält die Gravitation ihn auf Kurs.  Ohne Gravitation würde ohnehin das ganze Universum abstürzen und alle Strandräuber mit ihm.“
„Wird die Reise noch lange dauern?“
„Wir werden ankommen noch ehe wir aus unserem enttäuschten Schlaf aufwachen.“
Auf einmal verdüsterten sich Phanicens Gesichtszüge.  Sie bog sich weit nach hinten, so daß ihr Hals sich zur vollen Länge dehnte.  Die blonde Perücke fiel von ihr ab.  Sie fing an gegen den ‚Planeten’ zu heulen – das pythagoreische Tier.  Der Nachtflieger bekam böse Vorahnungen.  Ihr Rücken krümmte sich in einer pythagoreischen Verschwörung gegen die Sonne, als hinge die ganze Welt, das Universum von den Schwingungen einer verfluchten Wolfstrigonometrie ab.
„Ist sie schon tollwütig oder ist das bloß ein Anflug von der Hysterie der Hunde.  Ich werde ihr bald einen Maulkorb anlegen müssen, bevor sie mich beisst.  Aber weil sie nicht ganz Hündin ist, so kann sie nicht ganz tollwütig sein. Wie insgesamt ihre Erscheinung, sind ihre Ausbrüche auch nur eine Abart.“  Der Nachtflieger beschloß dennoch auf einen gewissen Abstand zu achten.

Phanice stieg auf die fahrbare Treppe, die an der Flugzeugöffnung eingehängt war.  Neben der Treppe am Boden lag Flugsand von verbrauchten Fallschirmen.  Mit jedem Schritt bog sich die Treppe unter ihrem Gewicht durch.  Den Gedanken einfach von der Treppe abzuspringen und vom Nachtflieger wegzulaufen, hat sie nicht mehr denken können.  Ein Mädchen, das seinen Verlobten liebt, ist stärker als Eisen und Stürme.  Nur die Zweifel muß man fürchten. Das Aufbäumen gegen das Schicksal zahlt sich nicht aus.  Du kannst es im besten Fall nur als Hebel betrachten – weil alles was dir zustößt schon vorher tief in dir eingeritzt worden ist – wie sollst Du dich dagegen auflehnen.  Auch das Sich-Auflehnen müssen ist Teil deines Schicksals.  Diese Überlegungen fanden eher in Phanicens Lunge als in ihrem Gehirn statt.  Warum steht der Wächter unten auf der Treppe?  Er mußte sehr schnell gelaufen sein, wenn er den langen Weg von der Schranke bis zur Startbahn zu Fuß gekommen ist.  Er hält eine rote Laterne in der Hand.  Das ist die ganze Beleuchtung auf der Startbahn – außer der Mondfinsternis.  Ein roter Schein liegt auf dem Asphalt wo das Licht aus der Lampe sich in einer Öllache wiederspiegelt.  
„Es bringt böses Glück beim Einsteigen auf den Boden zurückzuschauen.“, mahnt der Wächter.  Seine Zähnen blitzen wie wilde Augen in der Trauerhöhle der Nacht.

Der Nachtflieger war schon vorher in den Cockpit gestiegen. Beim Eintreten in die Kabine, ein blankes Metallgewölbe, sah Phanice Bruchteile eines Rettungswesens, das mehr für Schiffshavarien als für Flugzeugunglücke bestimmt war.  Zwei nicht ganz so pralle Schlauchboote, einige Schwimmwesten, ein Rettungsring, ein nicht zusammengerolltes Rettungstau und mehrere Ruder lagen durcheinander gestapelt am Eingang.  Sie hob eine Schwimmweste auf, die den Eingang versperrte. Die Ventile fehlten. Es erinnerte sie an das Bootshaus der nautischen Internatsschule, wo sie oft vergeblich auf den Sohn des Rechtsanwalts gewartet hatte.  Es ist ein richtiges Rettungswesen, dachte sie, aber für das falsche Unglück.

Hypnos bietet Phanice den Navigatorensitz an.  Der Sitz ist nur eine knappe Metallscheibe.  Wie sein Sitz auch.  Alles ist sehr unbequem und geduckt.  Es konnte keinen krasseren Gegensatz geben zur unergründlichen Weiche der Limousine.  Phanicens Knie sind fest gegen die Hüften des Nachtfliegers gepresst.  Als würde sie hinter ihm auf einem Motorrad sitzen.  Er sagt ihr, sie solle sich um die Radioverbindung zum Boden kümmern.  In der Dunkelheit sieht Phanice nur einige leuchtende Ziffern.  Wie soll sie die Bodenverbindung herstellen?  Die Notbelegschaft am Boden mache die Arbeit – Du mußt nur den Kopfhörer aufsetzen.  Die Verbindung entstehe so von alleine.  Phanice hatte nur den Wächter am Boden gesehen.  Sonst ist der Flugplatz ein riesiges unbeseeltes unbevölkertes Asphaltfeld.

Unterwegs hatten sie vor einer Kaschemme kurz angehalten.  Große Lastwagen parkten davor.  Hypnos ging hinein um Zigaretten zu kaufen.  Als die Tür aufging, hörte sie das unruhige launige Krächzen von schottischen Fiedeln.  Als er wieder herauskam rollten fünf Köpfe hinter ihm her.  Ein Kopf rauchte noch eine Zigarette.  Die braune Einkaufstüte aus der sie herausrollten, klemmte in der Tür.  Phanice sah jene Köpfe ungläubig an.  Hypnos stieß einen wie eine leere Bierdose mit dem Fuß weg.
„Was ist dort passiert?  Sind das echte Menschenköpfe?“
„Was denn sonst?.  Es ist ein Abrechnung.  Die Stämme hier oben im Norden, in den Grenzgrafschaften, sind sehr heißblütig.  Ihr Gedächtnis reicht bis zu den ‚Flodden Fields’ zurück.  Eine Sippe hatte irgendwelche früheren Enthauptungen rächen müssen.  Die Geköpften haben es schon erwartet.  Es ist so Sitte, daß man hier in der Lastwagenfahrerkneipe die Rechnungen begleicht.  Die Polizei hält sich zurück.  Das ist ihre Methode die natürliche Justiz zu fördern.  Sonst gäbe es mehr Mord und Totschlag.“  Phanice erinnert sich an jene Szene als sie den Nachtflieger fragt:
„Sitzt die Notbelegschaftszentrale auch in der Lastwagenfahrerkneipe?  Sie wissen – wo Sie Zigaretten geholt haben?“  Weil es einfacher ist, sagt der Nachtflieger, „Ja.“

Eingeklemmt im Navigatorensitz hinter dem Nachtflieger glaubt Phanice im absterbenden Licht des Instrumentenbretts zu sehen, daß seine Augenlid-Flügel viel weiter abstehen.  Bis jetzt hatte er sie  nach hinten gekämmt.  Sie verschwanden in seinem welligen Haar.  Jetzt sehen die Flügel mehr wie Korallen aus.  
„Mir ist kalt.  Können Sie bitte die Heizung anschalten?  Wir haben doch eine Heizung?“
„Es gibt keine Heizung außer unserer Körperwärme und die Hitze unserer vergeudeten Extasen.  Ich wundere mich aber, daß dir kalt ist.  Die russische Nordpolexpedition von 1937 nahm nur Kleider aus Merinowolle und Strümpfe und Schlafsäcke aus Wolfsfell mit.  Du hast beide Stoffe am eigenen Leib.“
„Ich bin doch ein Mädchen mit gewissen Zusätzen.  Ich kann nicht auch noch meine eigene Daunendecke sein.“
„Das Flugzeug ist eine Antiquität.  Das Metall aus dem es gebaut wurde, wird nicht mehr hergestellt.  Geräte und Maschinen aus jener Legierung sind längst ausgemustert worden.  Unser Schweißer flickt das Flugzeug zusammen, aus Metallschrott, den er hier am Fluggelände findet.  Deshalb ist er so müde.  Er sucht das Gelände ständig mit seinem Metalldetektor ab.  Er ruht nicht bis er seine Metallumpen zur Reparatur zusammengelesen hat.  Er fängt schon an vom Dach und von den Wänden des Hangars größere Stücke abzureissen.  Wenn er das Flugzeug nicht mehr zusammenflicken kann, wird er wahrscheinlich sterben.  Das Flugzeug hebt sich schwer vom Boden ab, aber fliegen kann es noch.  Wir werden hoch genug aufsteigen können, um über die Klippen zu fliegen und das Meer unter uns zu sehen.  Die Möwen werden uns mit einer von den ihren verwechseln.  Danach liegt es an der Navigation unseren Kurs zu bestimmen.  Ich hätte dann meine Schuldigkeit getan.  Wenn es an mir läge, würde ich das Flugzeug nicht mehr abheben lassen.  Ich tue es nur um Vodka, dem Wächter-Schweißer, zu gefallen.  Ihm gefallen wollen zu müssen ist mein ewiges Los geworden.  Wenn ich überhaupt Kräfte habe, sind sie ihm alle vorausbestimmt, auch die vergeudeten.  Dennoch bin ich sein Herr.  Seine Treue ist einfach und immer neu.
Von der Bedenklichkeit des Unternehmens habe ich ihn oft versucht zu überzeugen.  Jetzt bin ich zu träge geworden, die alten Argumente zu wiederholen.  Er kennt sie alle – er liest sie von meinen Augen ab.  Ich habe gehofft, der Anblick deiner Jungfräulichkeit würde ihn sofort bewegen, den Ehrgeiz aufzugeben, einen letzten Flug, was unvermeidlich auch ein letzter Absturz sein wird, zu unternehmen.  Auch diese Hoffnung ist schon enttäuscht worden.  Sein unzerstörbare Ehrgeiz ist mein Vertrag.  Leider kenne ich den Absturzweg nur zu gut – das Sausen des Abgrundes.  Der zweite Absturz ist einfacher als der erste, man hält ihn nicht unnötig auf.“

Der Nachtflieger startet das Flugzeug.  In den Tränen der alten Phanice und der neuen Fixstern-Bestie vermischen sich die Salzkristalle der Nordsee.






Epilog

Der junge Nachtflieger fällt, eine vergiftete Taube im englischen Schloßpark.  Der alte Nachtflieger wartet irgendwo in der Fremde auf Befehle aus England.  Eine Brieftaube ist unterwegs mit einer Nachricht für ihn, die mit Vogelmilch geschrieben ist.





Copyright  ©  Shannee Marks
Ulysses Productions
Kylemore
August 2015

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Tucholskys Sekunden-Liebe


Tucholsky schreibt einen verspielten Roman über Schweden.  Der Roman ist ein Ferien-Roman, den er während seiner Ferien auch niederschrieb. Man bekommt den Eindruck, daß er viele andere Nichtferien-Romane schrieb – ganz im Gegenteil – sein Ferien-Roman war sein Einziger.  Der Roman heißt Schloß Gripsholmeine Sommergeschichte.  Im Roman fährt er nach Schweden mit seiner Freundin, die er Prinzessin nennt.  Sie nennt ihn oft Daddy, manchmal Fritz, gelegentlich Peter, je nach Laune.  Sie ist eine Sekretärin (wie alle Prinzessinnen) und sie heißt Lydia.  An ihr liebt er vor allem ihre tiefe Plattdeutsch sprechende Alt Stimme.  Sie hat auch ein außerordentliches gutes Timing im psychologischen Sinn – vor allem beim Blind-Spucken im leeren Zugabteil.  Im Schlaf sieht sie nicht dumm aus – was leicht möglich wäre – männlich nüchtern ist sie wenn sie ihm sagt – „Wir müssen alle sterben, Du früher, ich später.“  Wenn „die Prinzessin“ mal ihre Handtasche nicht findet – fragt sie „Hast Du den Dackel gesehen?“






Sie singen auch gemeinsam Reise-Lieder auf der Reise.  Es ist alles so beschwingt, lustig, großstädtisch – eine überdurchschnittliche Büroliebschaft.   Obgleich die Schweden Reise ‚ordentlich’ geplante Ferien waren (die Reisekasse hatten sie sechs Monate lang zusammen gespart) – haftet an der Erzählung das unverkennbare Gefühl des ‚nie wieder’ – die großstädtische Stimmung einer Oase auf kurze Zeit. Ganz ausgeprägt ist solche flüchtige halb-tiefe Wehmut in Tucholskys Gedicht von der täglichen Fahrt zur Arbeit in der Großstadt:

Augen in der Groß-Stadt

„Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
Wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen
da zeigt die Stadt
dir Asphalt glatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.“

Tucholsky verzaubert mit seinem bitter-süßen vereitelten Liebesglück in der Großstadt, Walser dagegen denkt daran wie er einmal im Auto an einer Frau vorüber flog, die er möglicherweise (wenigstens in der Einbildung) in der Provinzstadt im Stich gelassen hatte.  

Jenes kurzlebige Fast-Glück, wobei das eigentliche Glück im Rausch des Verpaßtseins liegt – das beschreiben gewisse mittel und -osteuropäische Artisten am besten, so auch die Comedian Harmonists in ihren vielen Liedern – wie zum Beispiel In der Bar zum Krokodil oder Du bist nicht die Erste. Ganze Welten von untergegangenen, untergetauchten Sentimenten gehen dahin – so veraltet wie der Gebrauch des Tachistoskops für die psychologische Abrichtung. 

Alles mag schnell vorbeigehen – die Liebe wie die Verkehrsmittel – aber das Organische bleibt langsam – die Verdauung ist nichts Eiliges – außer wenn ‚die Liebe wie Sekt ins Blut’ geht.  So bewundert Lydia die Art wie ihr Freund „frißt“ – „(...) so viel und so schnell“.
„ „Lydia“, sagte ich, „Wir können auch im Speisewagen essen, der Zug hat einen.“ – „Nein!“, sagte sie. „Im Speisewagen werden die Kellner immer von der Geschwindigkeit des Zuges angesteckt, und es geht alles so furchtbar eilig – ich habe aber einen langsamen Magen...“ “ Ein seltener wahrer Satz der Weltliteratur.  Als Vor-Verdauungsgespräch.    






Tucholskys Großstadt Elegie für das nur knapp aber als mögliches imaginiertes Liebesglück Gesehene, verkommt zu etwas ganz ordinärem im Londoner Schund-Blatt „Metro“, was man umsonst am vorstädtischen Bahnsteig mitnimmt.  Am Abend fliegen die zerlesenen Fetzen in der verbrauchten Luft des Zugabteils herum.  

Die Zeitung nimmt Suchanzeigen auf von jenen die sich in Personen verlieben, die ihnen im Bus, Zug oder Underground nur kurz aufgefallen sind.  Oft sind es Personen die sich sowieso regelmäßig sehen müssen – weil sie beide dasselbe ‚commute’ haben.  Sogar Kartenverkäuferinnen werden als Göttinnen verehrt.  Sie sind aber eher stationär.  So schrumpft die riesige Tombola der Großstadt zu etwas berechenbarem, reizlosem zusammen.  Die verlorene Zeit der Arbeitsfahrt soll wenigstens noch für die Liebes-Ökonomie rentabel gemacht werden. 
   
Später verlegte Tucholsky seinen Wohnort ganz nach Schweden, als er, wie Heine, zu Deutschland auf Distanz ging.
Dort im Ferien-Roman Land nahm er sich das Leben.  Schloß Gripsholm verwandelte sich letztendlich in Rosmersholm.