Mittwoch, 20. April 2022

Potsdamer Fernfahrer Glück



Berlin, 18.08.2021




Liebe R.,

Wo bist Du? Was machst Du? Wie war Fabian?  Es sind nur knapp 6 Tage seit unserem wonnigen Sommer-delices in ‘silent green’ und dessen  Friedhofsdeko und schon kommt es mir wie 6 Monate vor. Wahrscheinlich ist diese Zeit-Täuschung eine Reflexion der Intensität und Dichte unseres Gesprächs.  Unter leisen Entzugserscheinungen führe ich silent talks im Kopf mit Dir.  Bist Du auf Modeschau in Mailand?

Wir befinden uns jetzt im zweiten Tag der historischen Ausladung unserer England-Jahre im  Potsdamer Myplace.  

 


Es läuft ziemlich glatt - ganz gegen meine Befürchtungen.  Langsam löst sich der Zwangsgürtel von meinen Eingeweiden, dass den Namen Matthew James Global trägt.  (Meine Erwartungen fangen an sich zu erfüllen - wir mussten im letzten Augenblick noch ein Lagerungs-Abteil mieten - und die Möbelherren drängen heute Nacht bis 10 Uhr alles fertig zu kriegen…)
Die Photos geben Dir einen Hauch von 'Englandiana' wieder - mit seinen klassenlosen Vorlieben für Ritterorden, Krieg und Kostümdramen.  Der Fahrer hat die Templar-Ritter und Lancaster Bomberflugzeuge erst gestern auf seinen blanken Wagen in Polen aufmalen lassen.  “All our lorries are spray painted in Poland.” sagte er.  Er fuhr die ganze Nacht durch und half ohne Schlafpause den Wagen auszuladen.  Außer Umzügen fährt er die Lastwagen für alte Vintage Rockgruppen wie Deep Purple, ACDC und Sting auf ihren wochenlangen Tournees.  Diese Dualität ist typisch englisch - die Kombination von profanem Broterwerb und dem heiligen Pop.  Dave hat mir bereitwilligst alle seine Tätowierungen gezeigt - einschließlich des schwertschwingenden Samurais auf seinem Rücken.

 


 

Wir wollten wieder im Café Heider essen gehen - aber es gelang irgendwie nicht.  Stattdessen liefen wir im Holländischen Viertel und am Platz der Einheit herum.  Die Blumenbeete und Bepflanzungen um die abgeschirmten Sitzrondelle im Park erinnerten mich leicht an Hyde Park/Kensington Park.  Der Ort strömt eine gewisse Ruhe aus - ohne einschläfernd zu sein.  Auf jeden Fall habe ich die spätblühenden Verbenas mit den vielen purpurnen Köpfen an dünnen gespreizten Stängeln wiedererkannt.  Diese Pflanze haben wir in unserem ehemaligen englischen Garten auch gehabt.  Sie blüht spät und ragt über die Reihen des Verblühten hinaus.  
Es war zu spät für irgendwelches Restaurant-Essen - stattdessen haben wir es uns auf einer Bank am S Bahn Gleis 7 gemütlich gemacht - tranken eine vorzügliche Choco-Latte und aßen eine köstliche Sonnenblumen Brezel von Ditsch.

Ich habe im  Signal von letzter Woche gesehen, dass eine Sendung unserer Selfies an Dich gefailed hat - so schicke ich Dir für alle Fälle nochmals das ganze ausgewählte Photoshoot per email.  Signal ist mir zu jumpy dafür.

Träum süß von Pollenwolken über Grass-Seen,

Ich hoffe heute Nacht den Rücken von Matthew James endgültig gesehen zu haben,

Gruß und Kuss und sanfte Wiegenlieder,
Deine
Shannee




 


Sonntag, 17. April 2022

Wassermann am Plötzensee


 

Berlin,9.08.2021


Liebe R.,

Es beglückt und beruhigt mich zugleich, dass Dir mein neuer Eddie Look gefällt. Jetzt, fast eine Woche danach, sieht das Haar schon mehr ‚lived in‘ aus. Aber mir gefällt das eigentlich lieber.  

Gestern beim Jogging (zum zweiten Mal) nach Plötzensee ist mir eingefallen was BH bedeuten könnte - steht es für ‚Bayerisches Hochgebirge‘?

Am Plötzensee selbst ist mir etwas eigentümliches passiert. Wie aus dem „Sommernachtstraum“ hat mir ein fast unsichtbar  dunkelhäutiger genius loci in menschlicher Gestalt aus dem Wald von hinter dem Absperrungszaun her am See Ufer zugerufen: Ich sollte ins Wasser gehen - ob ich ihm nicht unten in seiner Nische am Ufer kurz Gesellschaft leisten würde. Ich ließ mich nicht ohne Bedenken überreden. Er musste mich über die Sperre heben. An seinem geheimen Platz direkt am Wasser hatte er seine Hängematte zwischen zwei Bäumen angebracht und wie er mir sagte, dort verbringt er den ganzen Sommer. Eine ziemlich karge Robinsonade. Das ganze Erlebnis hatte etwas Antikes, als wäre man am Nilufer und zugleich war es wie eine Vision aus einem Gemälde von Henri Rousseau - der schöne Panthermensch im Urwald.  Es stellte sich heraus  - er ist ein Ägyptischer Nubier aus Hurghada am Roten Meer.  Die Seen in Berlin scheinen viel merkwürdiges aquatisches und quasi aquatisches Leben an sich zu locken.

"Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt."      Der Panther,
Rilke


Ich freue mich sehr auf unseren ‚silent green‘ Besuch und vor allem auf Dich.
Ich ruf Dich heute später an - vielleicht können wir schon die Zeit ausmachen? Vielleicht Donnerstag etwa um drei-vier Uhr?
Machen wir gemeinsam einen schönen Urlaub in Berlin!
 
Bis bald in Wedding,
Hugs and kisses,
Byeeeeeeeeeeeeee (mit Gebirgs-Echo)
Deine,
Shannee 

PS. Ich habe gerade Deinen Anruf verpasst. Rufe gleich zurück.