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Mittwoch, 23. Dezember 2009

Sich Klein Machen


1. Spätestens als der alte Indianer-Hexenmeister Don Juan Matus den ehrgeizigen Universitätsstudenten Carlos Castaneda durch eine Fabriksirene imponieren wollte - wurde es deutlich - hier handelt es sich um eine gelungene Fälschung. Aber ist das wichtig? Der Europäer träumt noch Rousseaus schlechte Träume von neu-weltlichen noblen Wilden. Don Juan Matus redet fliessend ein erlesenes Spanisch und kennt sich bestens in den Öden der mittelständischen Geschlechtsverhältnisse aus - gar in ihren sublimeren Formen. Es sind Formeln gegen die Langeweile, die Castaneda in den Mund des Indianers legt. Bau Deine persönliche Geschichte ab, trenne Dich endgültig von langjährigen Bekannten, verbreite Nebel um Deine Person, sei unverfügbar, besitze keine Routinen - nur Beute lässt sich an den Routinen aufspüren. Der Jäger hat keine. So ähnlich spricht ein Kammerjäger - denk wie eine Ratte. Gute Regeln für den Scharlatan. Die Klassischen. Aus solchen Jagdmethoden lässt sich leicht eine Heilslehre ableiten. Die Lehre heißt - sei Dein eigener Scharlatan. Castaneda weiß, dass aus seinem Mund diese Regeln keine Wirkung besäßen. Er versetzt sich in die erniedrigende Rolle des Dupierten, des Anhängers eines tyrannischen willkürlich waltenden Meisters. Dorthin folgten ihm seine Leser und Bewunderer - unter ihnen auch Fellini. Das Verhältnis zwischen Scharlatan und Anhänger hat den Charakter des psychologischen Mordes. Gleichwohl bekommt das Opfer etwas wertvolles das ihm fehlte - die ungeteilte Aufmerksamkeit.


2. Man möchte es ihm unverzüglich gleich tun. Todesurteile in der Schamanen-Welt finden blitzartig statt. Kaum ausgesprochen sind sie schon ausgeführt. Solche rasche Entwicklungen sind ein Merkmal des Magischen. Man kann solche schnellen Abläufe in der Bibel finden. Als König Salomo aus einer Nachricht seiner Mutter Bathsheva entnahm, dass sein Halbbruder Adonijah zum zweiten Mal nach dem Thron trachtete, liess er ihn noch am selben Tag festnehmen und hinrichten. Es gibt keine Zeit für irgendwelche Vorwürfe und nur eine knappe Frist für Fürsprache. Die Geschichte ist damit zu Ende. Die Märchen Robert Walsers sind von einem ähnlichen Tempo beseelt. Diese Märchen debattieren mit sich und mit jenem, der sie zu kennen glaubt. Schneewittchen möchte daliegen wie Schnee, nicht lieben und geliebt werden. Von der Mutter ist sie auf immer und ewig gehasst, ein Urteil, das nicht vergehen kann. Walser regt zur epikureischen Gleichgültigkeit an. Von seiner Welt ist die Furcht verbannt. Leidenschaftliche brutale Vorwürfe blitzen unerwartet auf, wie ein Einbruch aus einem fremden Stück, verschwinden ohne weiteren Kommentar. Die Effekte entstehen dadurch, dass man sie als solche vermeidet. In einer anderen Geschichte lässt Walser seinen Felix (der ewige Jüngling) sein Mädchen morden, weil es ihm, wegen seiner Kleidung, nicht mehr vornehm genug aussah. Die Strukturen sind sich alle ähnlich. Alles was zählt ist die Geschwindigkeit.





 




Mittwoch, 11. November 2009

Goethe missgönnt den echten Scharlatanen ihre Anhängerschaft


Ohne die genaueste Kenntnis der Physik, der Astronomie, der menschlichen Psychologie, der Schmerzkunde kann ein Scharlatan nie zu Glanz gelangen.  Verlangt wird - Üben, hartes Training, keine schlafwandlerischen Ergüsse.  Goethe konnte sich nicht zurückhalten; er besuchte einen alten Schlarlatan - um sein Desinteresse zu demonstrieren.  Die Apparatur eines solchen Wirkens aus der Nähe sehen zu müssen, war für ihn ein 'quälender Anblick'.  Wenn es um die große Irreführung, die wirksame Massenlüge ging, dann sollte nur Goethe zuständig sein.  Von den "Qualen der Vernunft" spricht er.  Was quält ihn so sehr?  Der Scharlatan hat eine Anhängerschaft, die, meint Goethe, ihm verlustig gehe.  Möchte Goethe denn die Anhängerschaft eines Scharlatans an sich binden - um selbst Scharlatan zu werden - ohne die harte Arbeit natürlich?  Die Anhängerschaft eines Scharlatans ist doch, laut Goethe, der Unvernuft verfallen.  Eine solche Anhängerschaft sollte ein Aufrichtiger gar nicht erst begehren.  Wenn er sie 'retten', zur 'Vernunft' bringen möchte, würden sie höchst wahrscheinlich überhaupt aufhören eine Anhängerschaft zu sein.  So hätte er sie nur an sich gebunden um sie auf immer zu verlieren.  Entweder ist die Anhängerschaft, die eines Scharlatans oder sie ist keine.  Bestand die Scharlatanerie Goethes in seiner verbotenen Begierde Scharlatan zu sein?

Der Scharlatan ist auf eine Weise besessen, die ihn dem Künstler ähnlich macht. Seine erstaunlichen Leistungen sind zum großen Teil verlogen. Die öffentlichen Lobpreisungen sind hauptsächlich von ihm selbst in die Welt gesetzt. Dennoch sind sie Chiffren echter heimlichen Fähigkeiten, eben denselben, die seine illusionären Wunder vollbringen. Der Feind der Meinungsfälscher ist der Wahrsager.  Falsche Scharlatane sind Lügner auf der Straße und auch in ihren Stuben.

miserum hunc hominem omni auxilio destitutum (diesen elenden, von aller Hilfe verlassenen Menschen):  Urteil des Praefectus Dominii Pottenbrunnensis über den Maler Christoph Haitzmann, ein Maler der einen Pakt mit dem Teufel abschloss, als er in seiner Kunst nicht weiter kam.  (aus: Sigmund Freud, "Eine Teufelsneurose im Siebzehnten Jahrhundert")