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Sonntag, 10. Januar 2010

Auf Wolken Ruhen (Zweierlei Accidia) I



Wenn die heroische Leidenschaft greift, hebt, antreibt und zusammenbindet, ist die Anti-Leidenschaft Accidia der Gemützustand was dem Alkahest am nächsten steht – dem alchemistischen Universalmittel der Auflösung. Was aufgelöst wird ist die Bewegung im Innern wie im Äußeren. Der Mensch neigt sich der Ruhe der anorganischen Welt zu - der Ur-Trägheit. Demnach sollte man die Accidia nicht als ein Laster sondern als einen Naturzustand betrachten – da wo der Mensch seine Zugehörigkeit zur physikalischen mechanischen Welt am deutlichsten aufweist. So könnte man Boschs Darstellung der Accidia als eine der sieben Todsünden ebenso als eine Fibel des Trägheitsgesetzes benutzen. (Goethe hat doch die quadratischen Liebesverhältnisse in „Die Wahlverwandtschaften“ als chemische Verbindungen und Lösungen geschildert – somit hätte er eigentlich auch die Liebenden von aller Schuld und Sühne freisprechen sollen – aber nirgends ist die absolute Logik am Werk.) Wie überall im Leben, nicht nur im Mittelalter, bedarf der Mensch theatralischer, mythischer Umhüllungen der Naturgesetze, vor allem wenn er selbst bloß ein solches Gesetz ist.


Noch dazu ist Accidia besonders schwer zu erkennen. Ob in der Seele oder in der Physik verwurzelt, ist sie schlichtweg die Abwesenheit von ‚Stimmung’ - sie ist die Befindlichkeit der Nicht-Befindlichkeit. Sie passt sich überall dort an, wo es besonders friedlich und aufgeräumt zugeht. Aber selbst mitten in Betriebsamkeit, die insgeheim nur dem rhythmischen Aufschub der jeweiligen Hauptsache dient, lauert auch Accidia. Sie ist selbst Rhythmus, der laut Novalis sich überall, in alle menschlichen Tätigkeiten qua ‚Musik der Gewohnheit’ einschleicht. „In allen Handwerken und Künsten, allen Maschinen, den organischen Körpern, unsern täglichen Verrichtungen, überall: Rhythmus, Metrum, Taktschlag, Melodie. Alles, was wir mit einer gewissen Fertigkeit tun, machen wir unvermerkt rhythmisch. (...) Sollt es bloß Einfluß der Trägheit sein?“ (Neue Fragmente 261 in: Novalis, Werke und Briefe, Stuttgart, 1962, S.457)


Aus der Perspektive der Theater-Psychologie, (die Psychologie der Lebens-Oberfläche), befindet sich Accidia in der Rangordnung der Gemütsverstimmungen noch unterhalb der Melancholie, sogar niedriger als Ennui, weil ohne deren dekadente Verfeinerung, jedoch beiden verwandt. Sie ist die Flucht vor dem Wesentlichen. Obgleich Accidia eher eine plebejische Bewandtnis hat, jene Flucht verschont keine Gesellschaftsklasse. Gerade die oft nacherzählte Geschichte von Fürst Potemkin, Günstling Katharinas, Zarin von Russland, zeigt wie Accidia auch den Gipfel der Macht erbarmungslos befallen kann. Walter Benjamin beginnt seine Abhandlung über Franz Kafka mit dieser Anekdote des vor sich hin dämmernden Fürsten. Der Kanzler Potemkin zieht sich wochenlang in sein Schlafzimmer zurück, lässt niemand zu sich und unterschreibt keine Staatspapiere. Ein gutgläubiger, diensteifriger Sub-Kanzlist namens Schuwalkin bietet sich den Staatsräten an die erwünschten Unterschriften einzuholen. Er tritt in das hoheitliche Schlafzimmer ein, ohne anzuklopfen, reicht Potemkin, der in einem „verschlissenen Schlafrock“ ungekämmt und Nägel kauend am Bettrand sitzt, eine Akte nach der anderen. Er unterschreibt alles widerstandslos, die Akten auf seinen Knien stützend. Wenn der Kanzlist zu den Ministern mit den unterschriebenen Staatsakten jubelnd zurückkehrt, stellt sich heraus, dass sie alle mit den Namen „Schuwalkin“ unterschrieben worden sind. Merkwürdigerweise, als Ernst Bloch dieselbe Geschichte in „Spuren“ nacherzählt, nennt er den kleinen Beamten Petukow. Der in der ‚Melancholie’ namenlos gewordene Potemkin heißt schlicht Jedermann.


So sehr ist dieser Fall ein Standard der Theater-Psychologie geworden, dass sie sich von ihrer Herkunft gelöst hat. „Es wird erzählt...“ schreibt Benjamin, ohne die Quelle anzugeben, - obgleich die Geschichte von Puschkin stammt. Für Benjamin ist jener Potemkin ein Prototyp des trägen, verwahrlosten, versunkenen dennoch, gerade aus diesem toten Punkt heraus, mächtigen Gewalthaber oder Gesetzgeber – ein Grundtyp in Kafkas „Welttheater“.


Das Gemälde von Bosch zeigt einen schläfrigen Mann, der vor dem Kaminfeuer sitzt. Sein Kopf und Hals sind von einer Haube vollkommen bedeckt. Die eine Hand versteckt er im Rock. Ein Kissen im Rücken nimmt ihm fast die Hälfte des Sitzes weg. Das Buch hat er auf der Bank beiseite gelegt. Sein Hund schläft zu seinen Füßen. In vielen Bildern vom ‚Hl. Hieronymus im Gehäus’ (von Cranach d. Ä, Dürer, Vincenzo Catena u.a.) schläft ein Löwe zu Füßen des Meisters; er selbst ist hell wach. Obgleich man die Accidia auch das „Mönchslaster“ genannt hat. Sie überfällt mit Vorliebe jene, die von ihrer göttlichen Berufung überwältigt sind. In Boschs Bild der Accidia ruhen beide Tiere. Die Szene sieht still und geruhsam aus, aber in sich verdorben. Dieses Ruhen bringt keine Erholung des Geistes. Es ist die vergebliche Suche nach dem Ausweg aus der Verwirrung. Eine Nonne mahnt den Mann zu seinen religiösen Exerzitien – sie reicht ihm den Rosenkranz und das Gebetbuch. Wobei gerade diese Tätigkeiten, Nietzsche zufolge, den Sündigen noch tiefer in die Arme der Accidia oder untätigen Ruhe treiben würden. „Die Religion will von Solchen eben nicht mehr, als dass sie Ruhe halten, mit Augen, Händen, Beinen und Organen aller Art: dadurch werden sie zeitweilig verschönert und – menschenähnlicher!“ (Nr 128. Der Werth des Gebetes. in „Die Fröhliche Wissenschaft“, München, 1988, S. 484)


Auf dem Dorf ist die Accidia wenn nicht verbreiteter als in der Stadt, wenigstens leichter zu erkennen. Im Bäckerladen, redete Stephan der Dorf Bäcker, mit Ruß auf der Nase, auf „Mary“ die Verkäuferin ein. Sie würde gerne nicht arbeiten müssen. Er fragt, „was willst Du in der Stube hocken? Die Matratze durchliegen. Mit 40 bist Du dann kaputt. So bist Du erst mit 50 kaputt.“ Sie will schlafen. Wahrscheinlich war sie spät von der Disco nach Hause gekommen. Wenn man Samstagmorgen hinter den Streuselkuchen stehen muss, schwebt das Bett, wie der Heiland in Boschs „Heuwagen“, über den Wolken – unerreichbar und mit allen Farben der Erlösung geschmückt. Diese Vorstellung ist schon der Anfang der Accidia. 










Donnerstag, 31. Dezember 2009

Das Gesetz des Unfalls



Alles was hier unten im Dorf zwischen uns geschieht ist natürlich, alles was zwischen Gentlemen und Kadetten auf dem Hügel geschieht ist auch natürlich – wenn ein bloßer Dörfler und ein Hügelwesen sich begegnen entsteht etwas Unnatürliches, was seine Erklärung in den Gesetzen des Unfalls suchen muss. Darüber nachzudenken ist etwas sehr Dunkles beweisen zu wollen, durch etwas anderes, möglicherweise noch Dunkleres.


Jene Gesetze sind Naturgesetze von einer vergänglichen Art. Der Überschuss an Leidenschaft, der aus der unnatürlichen Begegnung hervorgeht, bürgt für die Zuverlässigkeit des vergänglichen Naturgesetzes. Die Anhäufung von Zufallsentscheidungen, Aktionen, Versäumnissen, Gelegenheiten und Möglichkeiten erzeugt die Regelmäßigkeit des Unfalls. Unfälle sind vom Willen durchgeführte Aktionen wobei dieser Wille nur das natürliche Mittel eines vergänglichen Naturgesetzes ist. Aber nicht eine Erzeugung nach Wunsch oder Plan, nicht einmal gegen Wunsch oder Plan. Das Ergebnis mag immer dasselbe sein, die Zusammensetzung der leidenschaftlichen Gründe kann eine unendliche Variationskraft aufweisen. Man könnte dann behaupten, es gäbe gar kein Verhältnis zwischen den Aktionen der Menschen und dem Unfall, es wäre genauso richtig, als wenn man sagen würde, ihre Aktionen führen zum Unfall, ob sie wollen oder nicht. Oder wie Lermontov’s „Held unserer Zeit“ den Badearzt Werner fragt – ist nicht die Ahnung von einem gewaltsamen Tod auch eine Krankheit?


Ich würde als Unfall Gehülfe hinzufügen, - was ist der Unterschied zwischen dem anhaltenden unbegründeten Gefühl des Gerettet-seins und jener Ahnung von einem unmittelbar bevorstehenden Unglück? Wenn man das Gefühl hat, dass das eigene Überleben von jedem Augenblick an zum unendlich entfernten nächsten Augenblick von einer fortwährenden Rettung abhängt, befindet man sich nicht genauso im Bezirk des Prekären, wie jemand, der meint, dass der jetzt gerade gemachte Schritt in den Abgrund führt? Dieses Gefühl ist genau das was uns mit all den höheren Sphären aufs innigste verbindet: Die Sphäre des Unfalls, oder was dasselbe ist, die vergängliche Natur, die von vergänglichen Naturgesetzen beherrscht wird. Was ist logischer oder natürlicher als dieses? Wenn die Natur vergänglich ist, warum sollten die Naturgesetze nicht auch vergänglich sein?
Der Unfall ist so gesehen das Gericht in dem man „dem Schicksal Gerechtigkeit abtrotzt“ (Seneca) oder der algorithmische Umweg auf dem man durch la physique de fortune bei la physique de morale (Laplace) ankommt.


[Ich würde nicht von vornherein sagen wollen, dass Leibniz vollkommen Unrecht hatte. Vielleicht irgendwann nach der Zeit der vergänglichen Naturgesetze wird die Zeit der prästabilisierten Harmonie des Universums einbrechen. In dieser Behauptung liegt wie im ganzen Universum der Abriss von Instabilität und Ungewissheit der Dinge.]


Es gibt eine grundsätzliche Instabilität im Bau der Welt oder der Welten - nirgends so spürbar wie auf dem Wasser. Das Newtonsche Gesetz – für jede Aktion gibt es die entsprechende gleich starke Reaktion - beinhaltet keine Angemessenheit oder Gleichmäßigkeit im Ganzen. Gerade dieses Gesetz, nur dem Schein nach ausgleichend, trägt am häufigsten zur Instabilität bei. Durch die Natur wie durch alle Sachen geht ein Riss. (Emerson) Der Ausgleich, wenn überhaupt, ist etwas Aktives, kommt jedoch verspätet, ein Hinterher- sein ohne jemals etwas aufzuholen. Man baut die Grundsätze der physikalischen Geometrie auf der Verlagerung von starren Körpern auf, in sich die Erwartung eines Unfalls tragend. Die Kunst des Schiffes sich auf dem Wasser aufrechtzuhalten, dreht sich um die ständige Verhütung eines Stabilitätsunfalls.
Eine Aktion ist oft bloß die angestrebte Vermeidung der unerwünschten Zustände des Scheiterns – eine positive Negation.


Das Gemüt auf dem Lande kann „ausgeglichen sein“ – auf dem Wasser droht alles bei dem kleinsten Hindernis auseinander zu brechen. Das Wasser versinnbildlicht die Instabilität im Universum. Ein Flussdampfer voll von einer Vergnügungsgesellschaft kann in einer Minute auf die Seite rollen und in der nächsten Minute untergehen. Man hatte in der Anfangszeit der Gentleman-Schule nur ein einziges Kapitel aus der Physik den Kadetten eingepaukt – die Lehre von der Schwimmfähigkeit.
Damit ein Schiff nicht sinkt, verzichten Kapitän und Mannschaft auf den gesunden Zustand der Ruhe zu Lande. Sie leben in einem fort in dem ungesunden Zustand von steter Abwechslung zwischen Irritation und Erschlaffung, die allen Fortschritt ausschließt. Ein ewiges Schwanken ohne je zum Ziel zu kommen. Wobei das Ziel nur der Unfall sein könnte, jeglicher Fortschritt bloß in dieser Richtung zu machen wäre.


So war es gewesen, als die Schule für eine logische Sekunde mehr als bloß ein ornamentales Verhältnis zum Wasser und zur Schifffahrt hatte. Auf dem Lande gelten ganz andere Regeln – die von der Liebe, die umsonst ist.


Auf dem Wasser folgen der Unfall und die Verhütung des Unfalls einer Bewegung des Schwankens, auf dem Lande folgen der Unfall und die Liebe der Bewegung des Springens, des Überspringens. „Das Nächste des Gefühls wird nun übersprungen; die Station, die in der Erleuchtung als die erste am Wege zum Fernsten erkannt ist, tritt nun für jenes Nächste ein; ihr möchte die Liebe im Sprunge zueilen. An Stelle des Nächsten tritt der Liebe das Übernächste. Den Nächsten verdrängt ihr der Übernächste. [wie es geschah als ich zwischen dem Geigenlehrer und dem Kadetten Tim, der unser Konzertmeister gewesen ist, saß – übersprang die Liebe mich, ‚das Nächste’, und eilte ihm zu, dem Übernächsten] Sie (die Liebe) übersieht und überhört den einen, um im gewaltig=gewaltsamen Überspringen den anderen zu erreichen. Und weil sie Liebe ist und also immer wirkt, so muss es ihr auch gelingen.“ (Franz Rosenzweig, Der Stern der Erlösung, Dritter Teil, Frankfurt, 1930, S.14)


Wie das Gebet, hat der Unfall auch den gezielten und ausreichenden Schwung das Nächste zu überspringen. Bei der Abwehr des Unfalls gilt es genau im Abschnitt des Übersprungenen zu bleiben – wenn möglich. Es war mehr als töricht von mir, dem Unfall Gehülfen, in der Gentlemans Liebe, die umsonst ist, aufgenommen und eingeschlossen werden zu wollen. Als Gentleman fragt man sich nicht ob man einen Gehülfen liebt oder nicht – man überlegt höchstens ob der Gehülfe taugt oder nicht. Meistens taugt er nicht.


Dennoch ist eine Anziehung zwischen uns nicht zu leugnen. Ihre Erklärung findet man in den Gesetzen des Unfalls, die man auch Gesetze der Ablenkung nennen könnte. Der Unfall Gehülfe besteht aus einem starren Körper. Er verlagert sich kaum oder gar nicht. Der Gentleman ist die ständige Bewegung. Was können solche für ein Verhältnis haben? Der eine wird zwangsläufig auf den anderen treten müssen. Auf dem Weg zum Übernächsten. Da musste der Unfall Gehülfe in Verzweiflung geraten, wäre er nicht auf Grund seiner unverrückbaren Statik ins Gleichgewicht gedrängt worden. Die Schule wiederum ist das tatsächliche Ende einer Bewegung; eine Reichsbewegung, die ihre Linien über die ganze Welt gezogen hat und an ihr Ende in der „steinernen Fregatte“ zur Ruhe gekommen ist.


Die natürliche Immobilität des Gehülfen ist für den Musikdirektor eine Art Jungfräulichkeit, weil sie nicht einfach das Aussterben einer Bewegung ist. Bewegung oder Bewegtheit gehören dem Gehülfen nicht an, sie sind keine Attribute des Gehülfen. Umgekehrt, würde ein Gehülfe in Bewegung geraten, wäre es geradezu unheimlich. Ohne Bewegung zu sein ist kein Mangel – für den Gehülfe wäre die Bewegung der Unfall. Für den Gentleman ist das Ende der Bewegung eine Art Unfall, der noch nicht stattgefunden hat. Er möchte den Unfall vorwegnehmen in seiner Wachsamkeit. Diese den Unfall vorwegnehmende Wachsamkeit nennt er Liebe. Der Musikdirektor sehnt sich nach dem Unfall Gehülfen, wie die Bewegung nach seinem Ende auf der unendlichen Schiefe.


Ist die Rettung die „Korrektur“ des Unfalls – Ausgleich des zuviel oder des zuwenig? Das Geheimnis des Unfalls liegt in der Rettung, auch wenn sie nicht stattgefunden hat.